Lymphologischer
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rainer h. kraus

Die Verordnung von Manueller Lymphdrainage (MLD)

Ein Großteil der Lipödem-Patientinnen weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, Manuelle Lymphdrainage (MLD) verordnet zu bekommen. Doch seit dem 1. Januar 2021 ist die Versorgungs-Situation von Lipödem-Patientinnen erheblich besser. Denn an dem Tag traten die neue Heilmittel-Richtlinie, der neue Heilmittelkatalog sowie der „Anhang 1 zur Anlage 2 der Rahmenvorgaben nach § 106b Abs. 2 SGB V für die Wirtschaftlichkeitsprüfung ärztlich verordneter Leistungen“ in Kraft.

Damit wurde für des Lipödem ein besonderer Verordnungsbedarf – der für das Lipödem bereits seit 1. Januar 2020 anerkannt ist – dahingegen erweitert, dass es jetzt keinen Regelfall mehr gibt, sondern den Verordnungsfall. Das bedeutet konkret:
  • Der Arzt kann auf einem Rezept MLD-Anwendungen für einen Zeitraum von bis zu 12 Wochen verordnen. Näheres unter "Höchstverordnungsmenge" weiter unten.
  • Die MLD-Verordnungen für Lipödem-Patientinnen belasten nicht das Verordnungs-Budget des Arztes. Die Kosten für diese Verordnungen werden bei Wirtschaftlichkeitsprüfungen aus dem vertragsärztlichen Verordnungsvolumen herausgerechnet.
  • Es gibt keinen Regelfall mehr und somit auch keine Verordnung "außerhalb des Regelfalls". Es muss auch keine Therapiepause von 12 Wochen mehr eingehalten werden.
  • Es gibt eine Frequenzempfehlung von 1 bis 3 Behandlungseinheiten pro Woche. Der Therapeut kann die Zahl der MLD-Anwendungen dem jeweils aktuellen Krankheitsbild flexibel anpassen. Auch können somit Behandlungstermine flexibler abgestimmt werden.
  • Es können bis zu drei vorrangige sowie ein ergänzendes Heilmittel[1] gleichzeitig auf einem Rezept verordnet werden. Beispiel: 3 x MLD, 3 x Krankengymnastik, 6 x Übungsbehandlung.
  • Der Arzt kann zukünftig eine "patientenindividuelle Leitsymptomatik" formulieren, und so besser auf die Problematik jeder einzelnen Patientin eingehen.
  • Die Behandlung muss spätestens 28 Tage nach Ausstellung des Rezepts beginnen. Besteht ein dringlicher Behandlungsbedarf (innerhalb von 14 Tagen), kann das auf dem Rezept angekreuzt werden.
Im oben erwähnten „Anhang 1 zur Anlage 2 der Rahmenvorgaben nach § 106b Abs. 2 SGB V für die Wirtschaftlichkeitsprüfung ärztlich verordneter Leistungen, gültig ab 01.01.2021“ sind die Diagnosen mit besonderem Verordnungsbedarf angegeben. Für das Lipödem sind das diese drei:

ICD-10 Diagnose Diagnosegruppe / Indikationsschlüssel Hinweise / Spezifikation
E88.20 Lipödem, Stadium I LY nur im Zusammenhang mit komplexer physikalischer Entstauungstherapie (Manuelle Lymphdrainage, Kompressionstherapie, Übungsbehandlung / Bewegungstherapie und Hautpflege); es sind nicht immer alle Komponenten zeitgleich erforderlich

befristet bis 31.12.2025
E88.21 Lipödem, Stadium II LY
E88.22 Lipödem, Stadium III LY

Somit können Kassenärzte Lipödem-Patientinnen MLD verordnen, ohne dass gleichzeitig ein Lymphödem vorliegen muss (wie es früher der Fall war). Dabei ist zu beachten, dass die Verordnung NUR im Zusammenhang mit einer Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE) erfolgen kann. Auf dem Rezept muss der ICD-10-Code (hier: E88.2…) mit dem entsprechenden Indikationsschlüssel des Heilmittels (hier: LY) eingetragen werden. Diese Regelung ist vorerst bis zum 31. Dezember 2025 befristet. Dann sollen erste Ergebnisse aus der Erprobungsstudie zur Liposuktion vorliegen, von der auch Erkenntnisse zum Nutzen der konservativen Behandlung – einschließlich der MLD – beim Lipödem erwartet werden.

Im Heilmittelkatalog sind den Diagnosegruppen die verordnungsfähigen Heilmittel zugeordnet sowie Angaben zur Behandlungsmenge und die jeweils empfohlene Therapie-Frequenz aufgeführt. Für das Lipödem ist diese Stelle im Heilmittelkatalog relevant:

Indikation Heilmittelverordnung
Diagnosegruppe Leitsymptomatik: Schädigung von Körperfunktionen und -strukturen zum Zeitpunkt der Diagnosestellung Heilmittel Verordnungsmengen
-----------------
weitere Hinweise
LY LYMPHABFLUSSSTÖRUNGEN
  • Lipödem im Stadium I bis III (auch ohne Lymphödem)
Schädigung der Haut (Verdickung von Kutis, Subkutis, trophische Veränderungen der Epidermis)

Schmerzen

[patientenindividuelle Symptomatik]
Vorrangige Heilmittel:
  • MLD-30
  • MLD-30 + Kompressionsbandagierung*
  • MLD-45
  • MLD-45 + Kompressionsbandagierung*
  • MLD-60
  • MLD-60 + Kompressionsbandagie-rung*
Ergänzende Heilmittel:
  • Wärmetherapie (insbesondere heiße Rolle)
  • Kältetherapie
  • Elektrotherapie
  • Übungsbehandlung
  • Übungsbehandlung Gruppe
  • Übungsbehandlung im Bewegungsbad
  • Übungsbehandlung im Bewegungsbad Gruppe
Höchstmenge je VO:
  • bis zu 6x/VO
Orientierende Behandlungsmenge:
  • bis zu 30 Einheiten
Frequenzempfehlung:
  • 1-3x wöchentlich
Die Verordnungsmenge richtet sich nach dem medizinischen Erfordernis des Einzelfalls. Nicht bei jeder funktionellen oder strukturellen Schädigung ist es erforderlich, die Höchstverordnungsmenge je Verordnung bzw. die orientierende Behandlungsmenge auszuschöpfen.

*Erforderliche Kompressionsbinden sind als Verbandsmittel gesondert zu verordnen, sofern keine Hilfsmittel zur Kompressionstherapie vorhanden sind.

Höchstverordnungsmenge
Oben rechts in der Tabelle steht "Höchstmenge je VO: bis zu 6x/VO". Das gilt für aber nur für Erkrankungen (Diagnosen), für die weder ein langfristiger Heilmittelbedarf noch ein besonderer Verordnungsbedarf anerkannt ist. Da jedoch für das Lipödem der besondere Verordnungsbedarf gilt, können auf einem Rezept MLD-Behandlungen für bis zu 12 Wochen verordnet werden. Dabei ist die Höchstmenge in Abhängigkeit von der Therapiefrequenz zu bemessen. Sie kann maximal (3 Behandlungen x 12 Wochen) = 36 Behandlungseinheiten umfassen.

Verordnungsfähigkeit
Je nach Indikation (rechtfertigender Grund für eine Verordnung) ist MLD beim Lipödem folgendermaßen verordnungsfähig:

MLD-45 Minuten (Großbehandlung)
bei Lipödem zur Behandlung von 2 Körperteilen wie
  • eines Armes und eines Beines,
  • eines Armes und des Kopfes einschließlich des Halses,
  • beider Arme oder
  • beider Beine.
MLD-60 Minuten (Ganzbehandlung)
bei schwergradigem Lipödem zur Behandlung von 2 Körperteilen wie
  • eines Armes und eines Beines,
  • eines Armes und des Kopfes einschließlich des Halses,
  • beider Arme oder
  • beider Beine.
Ist eine Kompressions-Bandagierung (Lymphologischer Kompressionsverband) erforderlich, kann diese in Ergänzung der MLD erfolgen. Die Kompressions-Bandagierung hat im Anschluss an die Therapiezeit der MLD zu erfolgen! Erforderliche Kompressionsbinden sind gesondert als Verbandmittel zu verordnen, sofern keine Hilfsmittel zur Kompressionstherapie (etwa Kompressionsstrümpfe) vorhanden sind.

Zuzahlung
Gesetzlich Krankenversicherte müssen sich in Form von Zuzahlungen an den Gesundheitskosten beteiligen. Bei Heilmitteln – wie etwa MLD – beträgt die Zuzahlung 10 % der Kosten plus 10 Euro je Rezept (§ 61 SGB V). Zuzahlungen sind nur bis zur „finanziellen Belastungsgrenze“ zu leisten: 2 % der jährlichen Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt bzw. 1 % für chronisch kranke Patienten. Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres sind von fast allen Zuzahlungen befreit.

Siehe auch: https://www.kbv.de/media/sp/Heilmittel_Richtlinie_Katalog_Diagnoselisten.pdf

[1] Heilmittel sind persönlich zu erbringende (also nicht durch Apparate etc.) medizinische Leistungen. Dazu gehören:
  • Physiotherapie (hierzu gehört die MLD) und physikalische Therapie
  • Podologische Therapie
  • Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie („Logopädie“)
  • Ergotherapie
  • Ernährungstherapie
Heilmittel können von Vertragsärzten („Kassenärzte“) gesetzlich Versicherten zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Die Verordnung wird durch die Heilmittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geregelt. Heilmittel dürfen nur von speziell ausgebildeten Therapeuten persönlich erbracht werden; die MLD nur von Angehörigen der Berufsgruppen „Masseur und medizinischer Bademeister“ sowie „Physiotherapeut“.
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