Lymphologischer
Informationsdienst
rainer h. kraus

Wer bezahlt die Liposuktion beim Lipödem?

Die Liposuktion des Lipödems ist eine sehr spezielle und zeitaufwändige Intervention. Eine Behandlung kann 2 bis mehr als 7 Stunden dauern. Die Kosten dafür sind von Arzt zu Arzt und je nach Aufwand sehr unterschiedlich und liegen zwischen ca. 2.500 und mehr als 5.000 Euro. Diese Aufwendungen können als „außergewöhnliche Belastungen“ bei der Steuererklärung geltend gemacht werden. Die meisten Ärzte, die Liposuktionen durchführen, bieten Möglichkeiten zur Finanzierung (Ratenzahlung etc.) an.


Gesetzlich Versicherte

Da keine Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für die Liposuktion vorliegt, ist sie keine Regelleistung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sondern gehört zu den „Neuen Untersuchungs-und Behandlungsmethoden“ (NUB). Also müssen die Patientinnen die Behandlung selbst bezahlen. Wird jedoch die medizinische Notwendigkeit für eine Liposuktion des Lipödems festgestellt, kann die Kasse die Kosten dafür in einer Einzelfall-Entscheidung übernehmen.

Tatsächlich werden über 90 Prozent der Anträge auf Übernahme der Kosten für die Liposuktion von den Kassen bzw. vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) abgelehnt. Begründet wird die Ablehnung entweder damit, dass der Nutzen der Liposuktion beim Lipödem nicht belegt sei, oder dass für die Liposuktion beim Lipödem keine medizinische Notwendigkeit bestehe.

Das bedeutet im Umkehrschluss, wenn Ihr Arzt hinreichend begründet, dass in Ihrem Fall die Liposuktionen tatsächlich eine medizinische Indikation ist, muss Ihre Kasse die Kosten dafür im Rahmen einer Einzelfall-Entscheidung übernehmen. Diese Information hat uns die AOK Bayern auf Anfrage hin schriftlich gegeben. Die Kostenübernahme durch Ihre Krankenkasse steht und fällt also mit der Begründung, dass in Ihrem Fall die Liposuktion tatsächlich eine medizinische Notwendigkeit ist. Diese liegt etwa vor, wenn nachgewiesen werden kann, dass durch die konservative Therapie keine Besserung bestehender Beschwerden möglich war bzw. die Beschwerden sogar noch zunehmen.

Fügen Sie Ihrem Antrag auf Kostenübernahme für die Liposuktion Fotos bei und bestehen Sie notfalls darauf, vom MDK persönlich untersucht zu werden. Seien Sie hartnäckig! Dr. Gunther Felmerer, Universitätsmedizin Göttingen, rät, vor Beantragung einer Kostenübernahme für Liposuktion eventuell vorhandenes Übergewicht abzubauen und die Dokumentation der Gewichtsreduktion der Kasse vorzulegen. Damit zeigen Sie Ihre Motivation. Anträge von motivierten Patienten werden eher genehmigt. Doch Sie müssen sich darauf einstellen, dass das Widerspruchsverfahren und die Auseinandersetzung vor dem Sozialgericht sich bis zu 3 Jahren hinziehen können!


Selbstzahler und Privatversicherte

Gegenüber Selbstzahlern, Privatversicherten und Beihilfepatienten rechnen die Operateure nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ab. Inwieweit die einzelnen privaten Krankenversicherungen die Kosten übernehmen, hängt vom jeweiligen Versicherungsvertrag bzw. der vorher (!) einzuholenden Genehmigung der Kasse ab. Die Ärzte sind verpflichtet, Ihnen sämtliche anfallenden Kosten transparent und detailliert aufzuschlüsseln. Es muss ein Behandlungsvertrag abgeschlossen werden. Zwischen Angebot und Vertragsabschluss muss ausreichend Zeit zum Überlegen sein.


Mögliche Gefahren einer Kostenübernahme für Liposuktion durch die GKV

Im Mai 2014 hat der G-BA das Beratungsverfahren zur operativen Behandlung des Lipödems mittels Fettabsaugung (Liposuktion) eingeleitet und damit einen Antrag der Patientenvertretung angenommen. Das Ergebnis der Nutzenbewertung entscheidet darüber, ob die Operation künftig ambulant und stationär zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung angewendet werden kann. Der Beschlusstext und eine Erläuterung werden auf www.g-ba.de unter „Beschlüsse“ veröffentlicht. Das wird vermutlich aber nicht vor 2017 geschehen.

Das mag auf den ersten Blick für viele betroffene Frauen hoffnungsvoll erscheinen. Doch wir sehen dabei eher mehr Nachteile als Vorteile:

Denn es könnte ähnliches passieren wie etwa mit der Arthroskopie, als diese Kassenleistung wurde. Damals sprangen viele Ärzte auf den anfahrenden Zug. 2010 gehörten Arthroskopien am Knie, die im Normalfall mehrere Tausend Euro kosten, laut Statistischem Bundesamt mit rund 100.000 Eingriffen zu den häufigsten Leistungen (aktuell geschätzt 400.000 pro Jahr). Doch nicht jeder Chirurg hat für diese Eingriffe ein glückliches Händchen. Die Folge davon: Das „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWIG) sieht angesichts der dokumentierten Resultate keinen Nutzen der therapeutischen Arthroskopie bei Kniegelenksarthrose gegenüber den meisten Vergleichsinterventionen.

Darum dürfen ab Frühjahr 2016 bei gesetzlich Versicherten mit Gonarthrose Arthroskopien nur noch bei Verletzungen, akuten Gelenkblockaden und meniskusbezogenen Indikationen, bei denen die bestehende Gonarthrose lediglich eine Begleiterkrankung ist, zulasten der gesetzlichen Krankenkassen durchgeführt werden. Für alle anderen Fälle hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den Eingriff aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen.

Ähnliches könnte der Liposuktion passieren. Wenn die GKV die Kosten dafür übernimmt, wird unter den Ärzten ein Run auf diese vermeintliche Goldmine einsetzen. Dabei mögen sie sich auch an die Leitlinien zur Liposuktion halten. Doch da steht kein einziges Wort über Lymphbahnen darin! Dann wird es sicher zahlreiche von Ärzten verursachte Lymphödeme geben!

Ganz abgesehen davon, werden die wirklich qualifizierten Liposuktions-Ärzte sich weigern, ihre hochwertigen Leistungen nach dem Vergütungssystem der vertragsärztlichen Versorgung (Einheitlicher Bewertungsmaßstab – EBM) zu erbringen und sie nach wie vor privat in Rechnung stellen. Für die Frauen, die sich die wirklich guten Liposuktions-Ärzte leisten können, wird sich nichts ändern. Die anderen, die sich auf Kosten der Krankenkassen von Plastisch-ästhetischen Chirurgen an den Extremitäten absaugen lassen, laufen Gefahr, sich ein chronisches Lymphödem einzufangen.

Wir möchten damit keinesfalls Plastisch-ästhetische Chirurgen diskreditieren! Doch nicht alle von ihnen sind mit der Anatomie des Lymphgefäßsystems hinreichend vertraut, um eine Liposuktion beim Lipödem sicher durchführen zu können. Deshalb kommt es etwa nach Eingriffen zur Oberarmstraffung (Brachioplastik) immer wieder zu sekundären Lymphödemen an Armen. Dann liegt an den betroffenen Armen ein Lipo-Lymphödem vor, das eigentlich nur an den Beinen entstehen kann.

^