Lymphologischer
Informationsdienst
rainer h. kraus

Informationen für Ärzte (Verordnungen)


Kurzinformation

Diagnose Lymphostase Manuelle Lymphdrainage (MLD) Kompressionstherapie
Reines Lipödem[1] nein nur zur Schmerzreduzierung Bestrumpfung, Dynamische Kompression
Lipo-Lymphödem ja zur Schmerzreduzierung

zur Entödematisierung
zur Entstauung: Bandagierung, Dynamische Kompression

zur Erhaltung: Bestrumpfung, Dynamische Kompression, ggf. zwischendurch Bandagierung

Der Übergang zwischen dem reinen Lipödem und Lipo-Lymphödem ist fließend.

Dellbarkeit[2] und ein positives Stemmer’sches Zeichen[3] können Befunde des Lipo-Lymphödems sein. Beim reinen Lipödem sind diese in der Regel nicht vorhanden[4]. Somit mach MLD hier ausschließlich zur Schmerzlinderung Sinn.

Die Reduzierung der Schmerzsymptomatik ist in den meisten Fällen die Voraussetzung für eine Kompressionstherapie. Beim Lipödem im Stadium I kann bei hinreichender Schmerzfreiheit sofort mit einer flachgestrickten Kompressions-Versorgung begonnen werden.

„Klinisch-empirisch ist der ausgeprägte sedierende und vagotonisierende Effekt der Manuellen Lymphdrainagebehandlung seit langer Zeit bekannt. Dieser Effekt wird allgemein durch die Aktivierung von Zuwendereflexen erklärt, die durch die rhythmische Erregung von Mechanorezeptoren im Unterhautgewebe, möglicherweise aber auch durch Afferenzen aus den Lymphgefäßen selbst hervorgerufen werden. Bei der Manuellen Lymphdrainage lasst sich regelmäßig eine allgemeine parasympathische vegetative Umschaltung beobachten.“ (G. Bringezu, O. Schreiner, „Lehrbuch der Entstauungstherapie“)

Cave! Die Kontraindikationen der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE) sind sorgfältig zu beachten!

Wichtiger Hinweis: Der Body-Mass-Index (BMI) fällt beim Lipödem grundsätzlich zu hoch aus. Er ist daher nicht als Parameter zur Einstufung einer Adipositas geeignet. Hier empfehlen sich vielmehr:
  • Waist-Hip-Ratio (WHR)
  • Waist-Height-Ratio (WTR)
  • Umfangs- und Volumenmessungen der Extremitäten
    (Wichtig für die Verlaufs-Dokumentation!)
Insbesondere in differentialdiagnostisch schwierigen Fällen (Adipositas versus Lipödem) können diese Verlaufsparameter bei fehlender Volumenabnahme der Extremitäten trotz Reduktion des Gesamtgewichts und des Stammfetts hilfreich für die Diagnosestellung des Lipödems sein.

Symptomatisch wirksame Maßnahmen sind stadiengerecht und individualisiert einzusetzen, interdisziplinäre Begleittherapien abhängig von Komorbiditäten.

Körperliche Aktivität und Ernährungsumstellung können zwar das Übergewicht reduzieren, nicht aber die ausschließlich lipödembedingte disproportionale Fettgewebsvermehrung an den Extremitäten beseitigen.

Da Übergewicht die Ödemkomponente (Schmerzhaftigkeit) verstärkt, ist eine Gewichtszunahme zu vermeiden bzw. Normgewicht anzustreben. Indikationen zur Gewichtsreduktion sind nach der S3-Leitlinie der Deutschen Adipositas Gesellschaft: BMI ab 30 kg/m2 oder eine Erkrankung, die durch Übergewicht verschlimmert werden kann, wie es beim Lipödem der Fall ist. Empfohlen wird Gewichtsreduktion durch:
  • Kombination aus ernährungs-, bewegungs- und ggf. verhaltenstherapeutischen Maßnahmen
  • Phase der Gewichtsreduktion und Phase der Stabilisierung
Es gibt keine lipödemspezifische Diät, sinnvoll ist aber eine isoglykämische Ernährung:
  • Blutzucker- und Insulinspitzen vermeiden
  • ausreichende Pausen zwischen den Mahlzeiten einhalten
  • Gewichtsreduktion nicht zu Lasten der Muskelmasse, sondern der Fettmasse
Cave: Hoher Anteil von Lipödem-Patientinnen weist verschiedene Essstörungen und / oder psychischen Auffälligkeiten (z.B. verringertes Selbstwertgefühl, reaktive Depression) auf. Hier ist meist eine Ernährungsumstellung mit psychologischer Betreuung bzw. entsprechende Psychotherapie angezeigt.


Verordnung von Manueller Lymphdrainage zur Therapie des Lipödems

Seit 2002 regelt die Heilmittel-Richtlinie (HM-RL) die Verordnung von Heilmitteln in der vertragsärztlichen („kassenärztlichen“) Versorgung. Der Begriff „Heilmittel“ umfasst persönlich zu erbringende (also nicht durch Apparate) medizinische Maßnahmen der physikalischen Therapie (Manuelle Lymphdrainage, Krankengymnastik, Massagen etc.), der podologischen Therapie (Fuß-Heilkunde), der Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie (Logopädie) sowie Maßnahmen der Ergotherapie (Beschäftigungs- und Arbeitstherapie).Erlassen wird die HM-RL vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)[5] auf der Rechtsgrundlage des § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 des Fünften Sozialgesetzbuchs (SGB V).

Die Manuelle Lymphdrainage (MLD) kann von Vertragsärzten („Kassenärzten“) zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden, wenn sie notwendig ist, um

  • eine Krankheit zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder Krankheitsbeschwerden zu lindern,
  • eine Schwächung der Gesundheit, die in absehbarer Zeit voraussichtlich zu einer Krankheit führen würde, zu beseitigen,
  • einer Gefährdung der gesundheitlichen Entwicklung eines Kindes entgegenzuwirken, oder
  • Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder zu mindern.
Die Verordnung kann nur erfolgen, wenn sich der behandelnde Vertragsarzt von dem Zustand der oder des Kranken überzeugt, diesen dokumentiert und sich erforderlichenfalls über die persönlichen Lebensumstände informiert hat oder wenn ihr oder ihm diese aus der laufenden Behandlung bekannt sind. Die MLD darf nur von Therapeuten erbracht werden, der eine Zulassung dafür hat.

Im Heilmittelkatalog ist das Lipödem nicht als Indikation für die Manuelle Lymphdrainage (MLD) aufgeführt. Grund dafür ist, dass beim reinen Lipödem keine Lymphostase vorliegt. Wenn aber trotz konsequenten Tragens der Kompressions-Versorgung die Schmerzhaftigkeit fortbesteht oder eine Dellbarkeit der Unterschenkel vorliegt, ist die MLD auch beim Lipödem indiziert. Vertragsärzte können sie dann zulasten der GKV verschreiben.

Denn die Spitzenverbände der Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) haben sich in einem gemeinsamen Fragen- und Antworten-Katalog zu den Heilmittel-Richtlinien auf diese Formulierung geeinigt: "Das Lipoedem wird synonym auch Lipolymphoedem genannt; demnach ist eine Einordnung unter LY1 oder LY2 möglich und könnte mit einer MLD behandelt werden."
Siehe www.kbv.de/media/sp/HeilM_RL_Aenderungen_FAQ.pdf (Version 2005)
oder hier (Version 2011).


Bis zum 30. Mai 2017 konnte die Behandlung mit Manueller Lymphdrainage (MLD) Patienten mit einem Lipödem gemäß den allgemeinen Regelungen der Heilmittel-Richtlinie (Erst- und Folgeverordnungen sowie Verordnungen außerhalb des Regelfalls) verordnet werden.


Indikationsschlüssel LY1 a / b Indikationsschlüssel LY2 a Indikationsschlüssel LY3 a
Lymphabflussstörungen mit prognostisch kurzfristigem Behandlungsbedarf Lymphabflussstörungen mit prognostisch längerfristigem Behandlungsbedarf Chronische Lymphabflussstörungen bei bösartigen Erkrankungen
MLD-30 / MLD-45 / MLD-60 (sowie ggf. anschließender Kompressions-Bandagierung)
Max. 6 Behandlungen / Verordnung
MLD-30 / MLD-45 / MLD-60 (sowie ggf. anschließender Kompressions-Bandagierung)
Max. 6 Behandlungen / Verordnung
MLD-30 / MLD-45 / MLD-60 (sowie ggf. anschließender Kompressions-Bandagierung)
Max. 10 Behandlungen / Verordnung
Max. Verordnungsmenge:
12 Behandlungen
Max. Verordnungsmenge:
30 Behandlungen
Max. Verordnungsmenge:
50 Behandlungen


Neben der MLD sind auch Kälte-, Wärme- und Elektrotherapie sowie Übungsbehandlungen zusätzlich verordnungsfähig.

Falls das gesetzte Therapieziel mit der maximalen Verordnungsmenge nicht erreicht wird, kann eine Verordnung außerhalb des Regelfalls ausstellt werden. Diese muss gegenüber der Krankenkasse schriftlich begründet werden. Die Verordnung außerhalb des Regelfalls belastet das Budget des Arztes.

Seit dem 30. Mai 2017 kann die Behandlung mit Manueller Lymphdrainage (MLD) Patienten mit einem Lipödem budgetneutral verordnet werden, sofern der langfristige Heilmittelbedarf festgestellt wurde. Ein langfristiger Heilmittelbedarf besteht, wenn eine schwere funktionelle / strukturelle Schädigung vorliegt, zu deren Behandlung

  • fortlaufend und
  • über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr Heilmittel erforderlich sind.
Die am 30. Mai 2017 in Kraft getretene Heilmittel-Richtlinie enthält im Anhang 2 eine Liste mit Diagnosen, bei denen der langfristige Heilmittelbedarf festgestellt wurde. Liegt bei einem Patienten eine der gelisteten Diagnosen vor, kann der Arzt MLD im bedarfsgerechten Umfang verordnen, ohne dass sein Budget dadurch belastet wird. Außerdem muss hier der Regelfall nicht durchlaufen werden; es kann sofort eine Verordnung außerhalb des Regelfalles ausgestellt werden. In Anlehnung an den gemeinsamen Fragen- und Antworten-Katalog (Lipoedem = Lipo-Lymphoedem) zu den Heilmittel-Richtlinien der Spitzenverbände der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) können für die Verordnung von MLD beim Lipödem der Stadien II und III diese Diagnosen in Betracht kommen:

ICD-Code Diagnose Indikationsschlüssel
I89.01 Lymphödem der oberen und unteren Extremität(en), Stadium II LY2
I89.02 Lymphödem der oberen und unteren Extremität(en), Stadium III LY2

Beim Lipödem Stadium I ist demnach kein langfristiger Heilmittelbedarf festgestellt.

Die Stadien-Einteilung des Lipödems

Stadium I: Sichtbare Tendenz zur „Reithosen“-Form, die Haut ist glatt und gleichmäßig. Wird sie (zusammen mit dem Unterhautgewebe!) zusammengeschoben (Pinch-Test), zeigt sich eine „Orangenhaut“-Textur. Das Unterhautgewebe fühlt sich verdickt und weich an, teilweise (besonders innen an Oberschenkeln und Knien) sind Strukturen tastbar, die sich wie Styroporkügelchen in einem Plastikbeutel anfühlen.

Stadium II: Ausgeprägte „Reithosen“-Form, grobknotige Hautoberfläche mit großen Dellen und walnuss- bis apfelgroßen Knoten ("Matratzenhaut"). Das Unterhautgewebe ist verdickt aber noch weich.

Stadium III: Ausgeprägte Umfangsvermehrung der Beine. Das Unterhautgewebe ist stark verdickt und verhärtet. An den Innenseiten der Oberschenkel und der Kniegelenke sind grobe, deformierende Fettlappen (Wammenbildung, cave: Scheuer-Wunden!), teilweise bestehen über die Knöchel herunterhängende Fettwülste. Es liegt eine X-Beinstellung vor (dauerhaft hohe Fehlbelastung der Gelenke!).


Beantragung des langfristigen Behandlungsbedarfs für nicht gelistete Diagnosen

Liegt eine Erkrankung vor, die nicht in der Anlage 2 der HM-RL verzeichnet ist, deren funktionelle / strukturelle Schädigung aber mit der Schwere und Dauerhaftigkeit der Schädigungen vergleichbar ist, können Versicherte individuelle Anträge bei ihrer Krankenkasse stellen. Hierfür wurden einige neue Regelungen und Fristen festgelegt beziehungsweise klargestellt. Als wichtigste Festlegungen, die künftig gelten, nennt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) folgende:

Antragsunterlagen: Versicherte reichen bei der Krankenkasse einen formlosen Antrag ein. Zusätzlich legen sie eine Kopie der gültigen Heilmittelverordnung (Rezept) bei. Das Original bleibt beim Patienten. Die dem Antrag des Patienten beiliegende Heilmittelverordnung bedarf einer medizinischen Begründung. Um Nachfragen der Krankenkasse oder des Medizinischen Dienstes (MDK) zu vermeiden, sollte aus der medizinischen Begründung die Schwere und Langfristigkeit der funktionellen / strukturellen Schädigungen, die Beeinträchtigungen der Aktivitäten und der Therapiebedarf des Patienten hervorgehen. Die Begründung ist auf dem Verordnungsformular (Rezept) anzugeben.

Sofortige Gültigkeit: Die ärztliche Verordnung, die dem Antrag in Kopie beigefügt wird, ist unmittelbar nach dem Ausstellen gültig. Dies wurde klargestellt. Das heißt, die Heilmittelbehandlung kann sofort beginnen oder fortgesetzt werden, auch wenn die Krankenkasse noch nicht über den Antrag entschieden hat.

Vier-Wochen-Frist: Die Krankenkasse muss innerhalb von vier Wochen nach Antragseingang über die Genehmigung eines langfristigen Heilmittelbedarfs entscheiden. Nach Ablauf dieser Frist ohne Rückmeldung der Krankenkasse gilt die Genehmigung als erteilt.

Entscheidungsgrundlagen: Für die Genehmigung ist entscheidend, dass eine dauerhafte funktionelle / strukturelle Schädigung vorliegt, die mit denen der Diagnoseliste vergleichbar ist. Hierzu wurden folgende Festlegungen getroffen:

  • Von einer Langfristigkeit ist auszugehen, wenn ein Therapiebedarf mit Heilmitteln von mindestens einem Jahr nötig ist.
  • Von daher gilt auch: Eine mit der Diagnoseliste vergleichbare Schwere und Langfristigkeit kann ausgeschlossen werden, wenn für die Erkrankung oder Diagnosegruppe im Heilmittelkatalog nur ein kurzzeitiger Behandlungsbedarf prognostiziert ist.
  • Eine Schwere und Langfristigkeit kann sich auch aus der Summe mehrerer einzelner funktioneller / struktureller Schädigungen und Beeinträchtigungen der individuellen Aktivitäten ergeben, die für sich allein die Kriterien nicht erfüllen. Diese müssen insgesamt betrachtet jedoch einen Therapiebedarf begründen, der hinsichtlich Dauer und Umfang auch bei Diagnosen laut Diagnoseliste zu erwarten ist.
  • Benötigt die Krankenkasse zusätzlichen medizinischen Sachverstand, muss sie den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) einbeziehen. Dabei berücksichtigt sie den Therapiebedarf, die Therapiefähigkeit, die Therapieziele und die Therapieprognose des Versicherten.
  • Eine Genehmigung darf nicht versagt werden, nur weil sich das Heilmittel oder die Behandlungsfrequenz im Genehmigungszeitraum ändern können.
  • Die Genehmigung der Krankenkasse kann unbefristet erfolgen.
  • Eine Befristung darf ein Jahr nicht unterschreiten und kann mehrere Jahre umfassen. Der Bescheid muss die therapierelevante Diagnose und Diagnosegruppe(n) enthalten.
  • Genauso wie für Patienten, deren Diagnose in der Liste der Anlage 2 steht, kann auch die hier dauerhaft notwendige MLD als "Verordnungen außerhalb des Regelfalls" verordnet werden, ohne dass zuvor der Regelfall durchlaufen werden muss. Erforderliche Genehmigungen nach § 8 Abs. 4 der Heilmittel-Richtlinie gelten als erteilt.
Für Versicherte mit langfristigem Heilmittelbedarf können benötigte Heilmittel als „Verordnungen außerhalb des Regelfalls“ verordnet werden, ohne dass zuvor der Regelfall durchlaufen werden muss. Das heißt, Ärzte sind hinsichtlich der Angabe der Verordnungsmenge nicht an den Heilmittelkatalog gebunden. Die Menge der Behandlungseinheiten muss in Abhängigkeit von der Behandlungsfrequenz so gewählt werden, dass alle zwölf Wochen eine ärztliche Untersuchung gewährleistet ist.

Die Genehmigung der Krankenkasse bleibt auch bei einem Arztwechsel gültig. Bei einem Krankenkassenwechsel endet die Gültigkeit der Genehmigung, denn sie ist an die jeweilige erteilende Kasse gebunden. Die Versicherten müssen also bei ihrer neuen Krankenkasse erneut einen Antrag stellen.

Muster für einen Antrag auf langfristigen Heilmittelbedarf:

Absender

Anschrift der Krankenkasse

Datum

Versichertennummer
Antrag auf langfristigen Heilmittelbedarf gemäß § 8a Heilmittel-Richtlinie


Sehr geehrte Damen und Herren,

aufgrund meiner schweren dauerhaften funktionellen / strukturellen Schädigung besteht der Bedarf einer langfristigen Versorgung mit Heilmitteln.

Deshalb beantrage ich hiermit, die Schwere und Langfristigkeit meiner Erkrankung(en) gemäß § 8a der Heilmittel-Richtlinie festzustellen sowie die erforderliche Heilmitteltherapie langfristig zu genehmigen.

Auf die in der Anlage beigefügte Kopie der Heilmittel-Verordnung mit ärztlicher Begründung wird verwiesen.

Mit freundlichen Grüßen

Unterschrift

Anlage: Kopie der ärztlichen Heilmittel-Verordnung (ggf. weitere Anlagen)

Sollte der langfristige Heilmittelbedarf nicht bestätigt werden, kann die medizinisch notwendige Heilmitteltherapie nach den allgemeinen Regelungen der Heilmittel-Richtlinie (zu Erst- und Folge-verordnungen sowie Verordnungen außerhalb des Regelfalls) fortgesetzt werden. Im Falle einer Ablehnung besteht die Möglichkeit, einen Widerspruch gegen den Bescheid der Krankenkasse einzulegen.


Verordnung von Kompressions-Bandagierung

Beim Lipödem ist eine Kompressions-Bandagierung der Beine erforderlich, wenn eine Dellbarkeit der Unterschenkel vorliegt. Dann sollte eine tägliche Bandagierung so lange durchgeführt werden, bis sich das zur Ödem nicht weiter reduzieren lässt. Dies ist der Moment zur Verordnung einer flachgestrickten Kompressionsversorgung.

Die lymphologische Kompressions-Bandagierung kann für gesetzlich versicherte Patienten zulasten der gesetzlichen Krankenkassen als Tätigkeit von Heilmitteltherapeuten verordnet werden (§ 31 Abs. 1 SGB V.). Die Kompressions-Bandagierung ist kein eigenes Heilmittel und kann im Einzelfall - sofern erforderlich - zusätzlich zu der MLD) im Vordruck Muster 13 in der gleichen Zeile verordnet werden. Beispiel: 6 x MLD-45 + Kompressions-Bandagierung

Wichtiger Hinweis: Auf der Verordnung muss "MLD-XX + Kompressionsbandagierung", besser "MLD-XX mit anschließender Kompressionsbandagierung" stehen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass Heilmitteltherapeuten die Zeit zum Bandagieren in die Zeit der MLD (z.B. 45 Min.) einrechnen[6].

Die Verordnung der Kompressions-Bandagierung ist nur zulässig, wenn kein anderes Hilfsmittel (Bestrumpfung) zur Kompressionstherapie vorhanden ist oder eingesetzt werden kann. Therapeuten können diese Nebenleistung eigens abrechnen, genauso wie die ergänzenden Heilmittel. Das Polstermaterial und den Trikotschlauch muss der Therapeut stellen. Die Kosten dafür sind mit der Heilmittelleistung abgegolten.

Die Kompressionsbinden sind auf Muster 16 (Arzneiverordnungsblatt) als Einzelverordnunq, nicht jedoch als Sprechstundenbedarf zu rezeptieren. Aus Gründen der Therapiesicherheit empfiehlt sich die Verordnung kompletter Lymphsets anstatt der einzelnen Komponenten.

Mit den Lymphsets der Firma Softcompress -www.softcompress.de- kann die Zeit des Bandagierens deutlich verkürzt werden. Mit diesem Material können auch Laien das Bandagieren relativ leicht erlernen. Bei der Verordnung dieser Sets soll unbedingt die entsprechende Pharmazentralnummer (PZN) angegeben und das Aut-idem-Feld ankreuzt werden.
Lymphset Bein groß (ganzes Bein): PZN 7607490
Lymphset Bein klein (Fuß bis Knie): PZN 7607484
Lymphset Arm: PZN 7607509


Verordnung eines Heimgeräts zur Intermittierenden Pneumatischen Kompressionstherapie (IPK)

Im Gegensatz zum sekundären Lymphödem liegt beim Lipödem und beim Lipo-Lymphödem keine Abflussbarriere vor. Darum kann hier in vielen Fällen die IPK ("Dynamische Kompressionstherapie") die Frequenz der MLD erheblich senken, teilweise sogar eine echte Alternative zur MLD sein. Gerade für berufstätige Patientinnen und solchen mit langen Anfahrtswegen zur MLD-Praxis kann das eine große Entlastung bedeuten. Nicht zu vergessen, die Einsparungen bei der Zuzahlung für MLD. Informationen hierzu finden Sie hier:
http://www.villa-sana.com/geraete-zur-aik-bzw-ipk


Arznei-, Verband- und Heilmittelbudget

Die Verordnung von Hilfsmitteln zur Kompressionstherapie belastet nicht das Arznei-, Verband- und Heilmittelbudget des Arztes. Sie sollen aber nicht gemeinsam mit einem Arzneimittel auf dem gleichen Rezept verordnet werden, um nicht versehentlich in das Arznei-, Verband- und Heilmittelbudget hineingerechnet zu werden.







[1] Von einem „reinen Lipödem“ sprechen wir, solange keine Lymphabflussstörung vorliegt.
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[2] Dellbarkeit besteht, wenn sich mit einem Finger eine mehr oder weniger tiefe Delle in das Gewebe eindrücken, die für kurze oder längere Zeit bestehen bleibt. Eiweißarme Ödeme zeigen immer eine tiefe Dellbarkeit, wogegen eiweißreiche Ödeme nur anfangs dellbar sind, infolge Eiweiß-Fibrosebildung ihre Dellbarkeit aber im Laufe der Zeit zunehmend verlieren (U. Herpertz, „Ödeme und Lymphdrainage):
  • Bei normaler Gewebsflüssigkeit bzw. weichen Ödemen lässt sich keine oder nur leicht und flüchtige Delle bilden.
  • Wird die Ödemkonsistenz zäher, kann eine deutliche Delle erzeugt werden, die sich jedoch schnell wieder füllt.
  • In gelartigen Ödemen (Eiweiß ist deutlich verhärtet) lässt sich nur durch starken Druck eine Delle bilden, die dann lange unverändert bestehen bleibt.
  • Bei harten, kautschukartigen Ödemen (fibrosklerotischer Gewebsumbau) ist selbst bei starkem Druck keine, allenfalls eine nur geringfügige Delle herstellbar.
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Stemmer'sches Zeichen
Bildquelle: Dr. Sören Sörensen
[3] Stemmer’sches Zeichen: Lässt sich die Haut am Rücken der 2. Zehe bzw. des Zeigefingers der betroffenen Extremität mit Daumen und Zeigefinger nicht oder nur sehr schwer (infolge der Verhärtung des Gewebes) abheben oder fälteln, ist das Stemmer’sche Zeichen positiv und es liegt ein Lymphödem vor. Das Stemmer’sche Zeichen ist ein untrügliches Zeichen für ein Lymphödem. Fehlt es, kann trotzdem ein Lymphödem vorliegen. Das Stemmer’sche Zeichen kann also falsch-negativ sein, niemals aber falsch-positiv.
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[4] Ist bei einem Lipödem, das weniger als 10 Jahre existiert, an einem Bein eine Dellbarkeit und / oder ein positives Stemmer’sches Zeichen vorhanden, muss abgeklärt werden,
  • ob ein primäres bzw. sekundäres (Anamnese!) Lymphödem besteht. Sehr selten treten diese Lymphödeme an beiden Beinen auf, sind dann aber unterschiedlich stark ausgeprägt.
  • ob ein "internistisches Ödem" (aufgrund einer Schwäche von Herz, Leber oder Nieren) oder ein Ödem aufgrund einer anderen Ursache (Varikosis, Medikamente, Eiweißmangel etc.) vorliegt. Diese Ödeme sind - mit Ausnahme der bei Varikosis! - an beiden Beinen gleichstark ausgeprägt. Sie lassen sich leicht durch einen Fingerdruck gegen das Schienbein nachweisen (prätibiale Delle).
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[5] Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Er entscheidet u.a. darüber, was gesetzliche Krankenkassen bezahlen dürfen und was nicht.
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[6] Gemäß den Rahmenempfehlungen nach § 125 Abs. 1 SGB V haben der „Spitzenverband Bund der Krankenkassen“ und die physiotherapeutischen Verbände einen bundesweit geltenden Rahmenvertrags geschlossen. Darin wird in der „Leistungsbeschreibung Physiotherapie“ (unter X0204) „Kompressionsbandagierung einer Extremität“ unmissverständlich so definiert: „Spezielle Kompressionsbandagierung im Anschluss an die manuelle Lymphdrainage und der ggf. notwendigen Bewegungstherapie zur Erhaltung und Sicherung der entödematisierenden Effekte der Behandlung.“ (Hervorhebung durch die Redaktion).
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Auszug aus „Materialien zu Bringezu/Schreiner, Lehrbuch der Entstauungstherapie (4. Aufl.)“
Lehrbuch der Entstauungstherapie
Grundlagen, Beschreibung und Bewertung der Verfahren, Behandlungskonzepte für die Praxis Günther Bringezu und Otto Schreiner, Verlag Springer Berlin Heidelberg
ISBN: 978-3-642-54921-2 (Print)
ISBN: 978-3-642-54922-9 (Online)


Wirkungsweise und Grifftechniken der Manuellen Lymphdrainage

a) Wirkungsweise
Das Wirkspektrum der Grifftechniken der Manuellen Lymphdrainage kann wie folgt allgemein umschrieben werden. Hierbei lassen sich gewisse Rückschlüsse auf Indikationen und Anwendungsmöglichkeiten bereits jetzt ziehen.

Entstauend: Die Domäne der Manuellen Lymphdrainage (auch weil es an Alternativen fehlt). Es gibt 3 Wirkmechanismen, die die Flüssigkeitsbilanz des Interstitiums beeinflussen:
  • Steigerung der Angiomotorik der großen Lymphkollektoren
  • Verschieben von Flüssigkeiten durch den Interzellularraum hin zu intakten Lymphgefäßen
  • Vermehrte Reabsorbtionsrate durch adäquate Erhöhung des Gewebedruckes (geringfügig)
Beruhigend: Durch das langsame, zarte und vor allem rhythmische Arbeiten, erreicht man schon nach kurzer Behandlungszeit eine Wirkung im Sinne einer Sympathikolyse. Ausgesprochen intensiv ist diese Umstimmung, wenn in der Kopf-Hals-Region behandelt wird (induzieren von Entspannung).

Schmerzlindernd:
Durch die mechanische Reizung der Haut und deren verschiedenen Mechanorezeptoren, wird die Übertragung von Schmerzimpulsen auf Rückenmarksebene gehemmt. Durch das Abdrainieren von algogenen Substanzen aus dem Gewebe wird gleichzeitig die Desensibilisierung von Nozirezeptoren möglich.

Immunsystem: Ein Einfluss im Sinne der Steigerung der Abwehrkräfte konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Es zeigt sich aber, dass durch die Entstauung einer ödematisierten Extremität die Infektanfälligkeit in dieser Region nachlässt (die Erysipelhäufigkeit z. B. nimmt bei Lymphödemen in aller Regel mit der Entstauung ab (dies haben langfristige Beobachtungen ergeben).

Muskulatur: Eine Detonisierung wird lediglich über den Umweg der Sympathikolyse erreicht (dies kann in der Behandlung von Lymphödemen als Nebeneffekt durchaus genutzt werden, wenn andere Mechano-therapiemethoden kontraindiziert sind). Die Manuelle Lymphdrainage sollte aber nicht zum Behandeln von Muskelverspannungen generell eingesetzt werden. Glatte Muskulatur hingegen wird durch Druck und Dehnreize, die durch Lymphdrainagegriffe typischerweise erzielt werden, aktiviert (Steigerung der Lymphangiomotorik und auch Darmperistaltik).

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