Lymphologischer
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rainer h. kraus

Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) beim Lipödem


Lymphdrainage am Bein durch Masseur


Vor etwa 40 Jahren wurde die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) zur Behandlung chronischer Lymphödeme (wozu auch das Lipo-Lymphödem gehört) entwickelt. Hier ist das Ziel dieser Behandlungsmethode die Mobilisierung von im Gewebe gestauter eiweißreicher Flüssigkeit, deren Abtransport über das Lymphgefäßsystem sowie verhärtetes Gewebe (Fibrosen) zu lockern.

Die KPE kann auch zur Behandlung des reinen Lipödems[1] eingesetzt werden. Allerdings muss sie hier entsprechend angepasst werden (siehe Informationen für Lymph-Therapeuten). Dann kann eine Zunahme des Lipödems verhindert oder verlangsamt, die Schmerzhaftigkeit gelindert, die Flüssigkeitseinlagerungen reduziert und dem Entstehen eines Lipo-Lymphödems vorgebeugt werden. Eine nennenswerte Verringerung des Fettgewebes ist damit jedoch nicht möglich. Je früher die Therapie begonnen wird, desto besser stehen die Aussichten auf gute Ergebnisse.

Die KPE muss grundsätzlich in Abhängigkeit von den vorhandenen Befunden angewandt werden. Beim Lipödem ist ihre Intensität an die individuelle Schmerz-Symptomatik anzupassen. Bei starken Schmerzen ist – was die Manuelle Lymphdrainage (MLD) und die Kompressionstherapie betrifft – eine „einschleichende“ Behandlung notwendig. Erst wenn die Schmerzhaftigkeit weit genug reduziert wurde, kann die Behandlung kräftiger dosiert werden.

Mit der KPE lassen sich pro Bein Umfangsverminderungen von durchschnittlich 10 Prozent und eine Rückbildung der Wassereinlagerungen um bis zu 70 Prozent erzielen. Dies bewirkt ein Nachlassen der Spannungs- und Druckschmerzen, jedoch nicht bei allen Patientinnen. Die KPE muss lebenslang regelmäßig durchgeführt werden, anderenfalls treten die Beschwerden erneut auf.

Die KPE besteht aus
  • Manueller Lymphdrainage (MLD)
  • Kompressionstherapie
  • Bewegungstherapie
  • Hautpflege
Sie ist als 2-Phasen-Therapie definiert, die aus einer Entstauungsphase (KPE-Phase 1) und einer Erhaltungsphase (KPE-Phase 2) besteht. Beim reinen Lipödem im Stadium I kann die Entstauungsphase meist übersprungen werden.


Manuelle Lymphdrainage (MLD)

Diese ist eine spezielle, sehr sanfte Massagetechnik mit dem Ziel, Ödeme[2] zu beseitigen. Dafür regt sie das Lymphgefäßsystem dazu an, die „lymphpflichtige Last“ (Wasser, Eiweiß und andere Stoffe) aus dem Gewebe aufzunehmen und abzutransportieren. Sie unterscheidet sich von der Massage durch einen geringeren Druck, langsameres Arbeiten und spezielle Griffe mit Schub- und Entspannungsphasen. Die MLD hat immer im Bereich von Hals und Schlüsselbeinen zu beginnen. Von dort aus wird in Richtung Ödem hingearbeitet. Alles andere wäre falsch!

Beim reinen Lipödem, wo der Lymphtransport noch gut bis überdurchschnittlich funktioniert[3], dient die MLD in erster Linie zur Schmerzreduktion. Durch sanfte Reizung von Mechanorezeptoren im Gewebe wird eine Reizantwort des Zentralnervensystems ausgelöst, die auf Schmerzzustände dämpfend wirkt. Das ist in der Behandlung des Lipödems von großer Bedeutung, da die Schmerzen oftmals eine Bandagierung bzw. das Tragen einer Kompressions-Bestrumpfung nicht zulassen. Doch ohne Kompression ist die konservative Therapie des Lipödems von Vornherein zum Scheitern verurteilt!

Beim Lipo-Lymphödem ist neben dem Lipödem auch noch ein chronisches Lymphödem (Ansammlung von eiweißreicher Flüssigkeit im Gewebe) vorhanden. Hier wird die MLD zur Bildung von Lymphe (= Aufnahme von Gewebswasser in das Lymphgefäßsystem) und deren Abtransport eingesetzt. Dabei darf die Durchblutung der Haut nicht anregt werden. Denn dadurch würde mehr Flüssigkeit aus den Blutkapillaren in das Gewebe übertreten und den Gewebswasseranteil (und somit das Ödem) vergrößern.

Die MLD kann zur Behandlung des Lipödems bzw. Lipo-Lymphödems von allen Ärzten mit Kassenzulassung (nicht nur Fachärzten!) zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Näheres hierzu finden Sie unter Informationen für Ärzte.


Kompressionstherapie

Sie dient zur Erhöhung des Drucks im Gewebe. Dadurch tritt weniger Flüssigkeit aus den Blutkapillaren ins Gewebe über. Zudem verteilt sie die Gewebsflüssigkeit über eine größere Fläche, wodurch wesentlich mehr Lymphgefäße an deren Abtransport beteiligt werden. Sie schafft somit alternative Wege für den Lymphtransport.

Auch verbessert sie die Funktion der Klappen und die Strömungsgeschwindigkeit in den Lymphgefäßen und Venen und damit den Lymphtransport und den Rückfluss des venösen Blutes zum Herzen. Intensiviert wird dieser Effekt in Verbindung mit Bewegung. Die Kompression bildet ein Widerlager gegen den von den Muskeln erzeugten wechselnden Innendruck im Gewebe, wodurch die Wirkung der Muskel- und Gewebspumpen erheblich verbessert wird.

Die Kompressionstherapie regt auch die Mikrozirkulation des Blutes in der Haut an und intensiviert dadurch den Stoffaustausch der einzelnen Zellen im Gewebe. Der erhöhte Innendruck im Gewebe verringert den Abstand zwischen den Blutkapillaren und den Zellen („Transit- oder Diffusionsstrecke“). Dadurch können die Zellen besser mit lebenswichtigen Stoffen versorgt und von Abfallprodukten befreit werden.

Für die Kompressionstherapie stehen vier Methoden zur Verfügung: Die Kompressions-Bandagierung ist beim reinen Lipödem in der Regel nicht erforderlich. Wenn man jedoch am Unterschenkel mit einem Finger eine Delle eindrücken kann, ist freies Ödemwasser vorhanden. Dann sollte eine tägliche Bandagierung der Beine so lange durchgeführt werden, bis die Dellbarkeit beseitigt ist. Dies ist dann der Moment zur Verordnung einer flachgestrickten Kompressionsversorgung.

Beim Lipo-Lymphödem ist die Bandagierung ein wichtiges Mittel zur Entstauung und Reduzierung des Lymphödems. Auch hier sollte eine tägliche Bandagierung so lange durchgeführt werden, bis sich das zur Ödem nicht weiter reduzieren lässt und eine flachgestrickte Kompressions-Versorgung zum Einsatz kommen kann. Näheres hierzu finden Sie unter Kompressions-Bandagierung.

Sowohl das Bandagieren als auch das Bandagematerial kann zur Behandlung des Lipödems bzw. Lipo-Lymphödems von allen Ärzten mit Kassenzulassung zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Näheres hierzu finden Sie unter Informationen für Ärzte.

Die Kompressions-Versorgung ist in der konservativen Behandlung des Lipödems die tragende Säule. Ihr frühzeitiger – und konsequenter! – Einsatz (sobald die ersten Anzeichen auftreten) kann der Progredienz (Verschlimmerung) des Lipödems in vielen Fällen stoppen, zumindest aber erheblich verlangsamen. Nach der morgendlichen Toilette angelegt, wirkt eine gut angepasste (!) Kompressions-Versorgung im Lauf des Tages Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe entgegen und verhindert somit Schmerzen und Schweregefühle in den Beinen. Näheres hierzu finden Sie unter Kompressions-Versorgung.

Lympha Press Hosenmanschette
Lympha Press Hosenmanschette
Bildquelle: www.villa-sana.com
Die Dynamische Kompressionstherapie[4] arbeitet mit Manschetten, die aus einzelnen, sich überlappenden Luftkammern zusammengesetzt sind. Für das Lipödem kommen Hosen- und Jackenmanschetten zum Einsatz. Ein spezielles Steuergerät pumpt die einzelnen Luftkammern – am Fuß bzw. der Hand beginnend – nacheinander auf. Sobald alle Kammern gefüllt sind, wird aus allen die Luft abgelassen und der Rhythmus beginnt nach einer kurzen Pause aufs Neue. Näheres hierzu finden Sie unter Dynamische-Kompressionstherapie.

Die Eigenbehandlung mit einem Heimgerät (Lympha Press, Lympha-mat) kann eine sinnvolle und preiswerte Alternative zur MLD beim Lipödem sein. Sinnvoll, weil beim Lipödem in der Regel keine Lymphabflussstörung vorliegt und die Dynamische Kompressionstherapie der Bildung von Gewebswasser entgegenwirkt. Und preiswert, weil die MLD – und damit die Zuzahlungen dafür! – seltener bis gar nicht mehr notwendig ist. Heimgeräte zur Behandlung des Lipödems bzw. Lipo-Lymphödems können von allen Ärzten mit Kassenzulassung zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Näheres hierzu finden Sie unter Informationen für Ärzte.
Wassergymnastik: (Schwimmen, Aqua-Jogging, Aqua-Aerobic, Aqua-Cycling etc.) Physiologisch gesehen ist sie die ideale Form der Kompressionstherapie. Der Wasserdruck ist unten (an den Füßen) am größten und nimmt nach oben (zum Körper hin) stufenlos ab. Beinarbeit (Marschieren, Joggen etc.) in aufrechter Haltung im Wasser trägt sehr wirksam zur Entleerung von Ödemen sowie zum Transport venösen Blutes zum Herzen bei. Der Auftrieb entlastet die Gelenke. Zudem kräftigt Wassergymnastik die Muskulatur und kann zum Abbau von Übergewicht beitragen (hoher Kalorienverbrauch).

Wichtiger Hinweis: Wenn Symptome des Lipödems auftreten, sollte sofort damit begonnen werden, tagsüber eine flachgestrickte Kompressions-Versorgung zu tragen. In sehr vielen Fällen genügt das konsequente Tragen dieser Strümpfe, um das Zunehmen des Lipödems dauerhaft zu verhindern. Zusätzlich sollte ein Übergewicht vermieden bzw. abgebaut werden.


Bewegungstherapie

Beim Lipödem ist die Haut sehr dehnbar (geringe Elastizität). Sie kann dem bei Bewegung von den Muskeln erzeugten wechselnden Innendruck im Gewebe keinen Widerstand entgegensetzen. Die Kompression übernimmt die Funktion des Widerlagers. Darum aktiviert die Kombination aus Kompression und Bewegung die Muskel- und Gelenkpumpen[5], wodurch vermehrt Lymphe und venöses Blut aus den Beinen (entgegen der Schwerkraft!) und den Armen abtransportiert wird.


Hautpflege

Die Hautpflege hat beim reinen Lipödem bei weitem nicht die Bedeutung wie beim chronischen Lymphödem (wozu auch das Lipo-Lymphödem gehört). Grundsätzlich sollten Lipödem-Patientinnen darauf achten, dass ihre Haut nicht trocken und rissig wird. Denn dies kann durch das regelmäßige Tragen der Kompressions-Bestrumpfung relativ leicht vorkommen. Beim Lipo-Lymphödem ist die Hautpflege dagegen eine sehr wichtige Therapie-Komponente. Näheres hierzu finden Sie unter Hautpflege.


2-Phasen-Therapie

Die KPE muss grundsätzlich in Abhängigkeit von den vorhandenen Ödem-Befunden angewendet werden. Sind diese stark ausgeprägt, müssen die Anwendungen hoch dosiert werden. So können etwa bei einem Lipo-Lymphödem ggf. ein- bis zweimal am Tag 45 bis 60 Minuten MLD mit anschließender Kompressions-Bandagierung und intensiver Bewegungstherapie notwendig sein. Diesen Teil der Behandlung haben Michael und Etelka Földi als Entstauungsphase (KPE-Phase 1) bezeichnet.

Sobald die Befunde bestmöglich reduziert wurden, folgt die Erhaltungsphase (KPE-Phase 2). Hier genügen je nach Bedarf eine bis drei MLD-Anwendungen pro Woche und die Kompressionstherapie wird dann mit flachgestrickten Bestrumpfungen bewerkstelligt[6]. Bei einem reinen Lipödem im Stadium I kann meist auf die Entstauungsphase verzichtet werden.

Aufgrund der intensiven Anwendungen ist die Entstauungsphase in den meisten Fällen nicht am Wohnort der Patientin möglich. Dann muss sie stationär in einer Lymphologischen Fachklinik durchgeführt werden. Lymphkliniken finden Sie unter Stationäre Reha (Kur). Dann muss bei der Krankenkasse die „Einleitung einer stationären Reha-Maßnahme“ beantragt werden. Tipps für die Antragstellung und deren Durchsetzung finden Sie auch unter Stationäre Reha (Kur).

[1] Von einem „reinen Lipödem“ sprechen wir, solange kein chronisches Lymphödem vorliegt. In diesem Zustand kann das Lymphgefäßsystem die lymphpflichtige Last von sich aus vollständig abtransportieren. Darum ist hier die MLD zur Verbesserung des Lymphtransports nicht angezeigt. Gesellt sich zum Lipödem eine chronische Lymphabflussstörung hinzu, sprechen wir von einem Lipo-Lymphödem.
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[2] Ödeme sind sicht- und tastbare Schwellungen aufgrund von Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe. Meist sind sie Zeichen (Symptome) einer Grunderkrankung (Herz-, Leber-, Nierenschwäche etc.) und keine eigenständige Krankheit. Sie können mit Wassertabletten (Diuretika) ausgeschwemmt werden und treten bei erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung nicht mehr auf. Dagegen ist das chronische Lymphödem (wozu auch das Lipo-Lymphödem gehört) eine eigenständige Krankheit (Diagnose) und kein Symptom.
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[3] Beim reinen Lipödem kann lymphszintigrafisch oftmals eine im Vergleich zu Gesunden erhöhte Transportleistung des Lymphgefäßsystems festgestellt werden.
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[4] Die „Dynamische Kompressionstherapie“ wird in der medizinischen Literatur „Intermittierende Pneumatische Kompressionstherapie“ (IPK) bzw. „Apparative Intermittierende Kompressionstherapie“ (AIK) genannt. Zur Vermeidung dieser Wortungetüme verwenden wir die griffigere Bezeichnung „Dynamische Kompressionstherapie“.
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[5] Der Rücktransport des Blutes in Richtung Herz wird durch das pumpende Herz, die Druckänderungen im Brustkorb durch die Atmung sowie die Muskel- und Gelenkpumpen bewerkstelligt. Bei aufrechter Haltung (Stehen, Sitzen) sind Herz und Atmung allein nicht in der Lage, die Schwerkraft, die das Blut nach unten zieht, zu überwinden. Dafür sind die Muskel- und Gelenkpumpen die wichtigste Antriebskraft.

Bei Bewegung der Beine drücken die Muskeln auf die Venen, wodurch das Blut darin in Bewegung gerät. Die Venenklappen (sofern sie intakt sind) lassen das Blut nur in Richtung zum Herzen fließen. Beim Erschlaffen der Muskeln wird das Blut aus der Umgebung angesogen. Dieser Saug-Druck-Mechanismus ist besonders im Bereich der Waden von Bedeutung („Wadenmuskelpumpe“). Es gibt aber auch noch die Fußsohlenpumpe (durch Abrollen des Fußes) und die Sprunggelenkspumpe (durch die Bewegung der Sehnen und Bänder), die mit der Wadenmuskelpumpe zusammenwirken. Damit der Pumpmechanismus funktionieren kann, ist eine gute Beweglichkeit des Sprunggelenkes äußerst wichtig. Schuhe mit hohen Absätzen beeinträchtigen die Funktion der Muskel- und Gelenkpumpen!
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[6] Aber auch während der Erhaltungsphase kann die Kompressions-Bandagierung – insbesondere beim Lipo-Lymphödem – von großem Nutzen sein. Damit können schwierige Situationen (heißes Wetter, Zunahme der Schmerzen, langes Stehen oder Sitzen, Langstreckenflug etc.) viel besser meistern. Die Firma Softkompress hat ein neuartiges Material entwickelt, das die Selbstbandagierung oder die Bandagierung durch Laien (Angehörige, Freunde etc.) ganz erheblich erleichtert. Mehr dazu erfahren Sie unter www.softcompress.de.
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