Lymphologischer
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rainer h. kraus

Das Lipo-Lymphödem

Lipo-Lymphödem
Bildquelle: Dr. Gerd R. Lulay, www.lymphzentrum-nordwest.de
Lymphszintigraphische[1] Untersuchungen zeigen, dass der Lymphtransport in frühen Stadien des Lipödems gut bis überdurchschnittlich ist. Demnach ist hier das Lymphgefäßsystem intakt und arbeitet aufgrund des gesteigerten Flüssigkeitsanfalls im lipödematösen Gewebe im oberen Belastungsbereich.

Die dauerhaft hohe Belastung führt im Laufe der Jahre zu einer Degeneration der Lymphgefäße, wodurch ihre Transportkapazität sinkt. Die im Gewebe anfallende Flüssigkeit kann dann nicht mehr ausreichend abtransportiert werden und es bilden sich eiweißreiche Flüssigkeitsansammlungen. In diese kann mit dem Finger eine Delle eingedrückt werden, die sich nur langsam zurückbildet. Mit der Zeit verhärtet das Gewebe zunehmend, bis eine Delle nicht mehr oder nur sehr schwer zu erzeugen ist.

Das sich einlagernde Eiweiß führt über nichtbakterielle Entzündungen zu Verhärtungen des Gewebes (Fibrosen) und krankhaften Veränderungen der Lymphgefäße (Lymphangiosklerosen). Schließlich entsteht daraus ein sekundäres Lymphödem. Dann liegt ein Lipo-Lymphödem vor. Dies ist an der Schwellung des Fußrückens („Lymphsee“), vertieften Falten an den Zehen-Ansätzen (Zehengrund) und einem positiven Stemmer’schen Zeichen[2] erkennbar.

Wichtiger Hinweis: Das sekundäre Lymphödem, das aus einem Lipödem ein Lipo-Lymphödem macht, kann in allen Stadien des Lipödems entstehen! Eine begleitende Adipositas kann das begünstigen.

In der Literatur finden sich Angaben, dass das Lipo-Lymphödem ab dem 5. Lebensjahrzehnt, also zwischen 40 und 50 Jahren auftritt, andere nennen als Zeitpunkt 15 bis 18 Jahre nach den ersten Anzeichen des Lipödems. Der Prozess verläuft fließend. Manche Autoren bezeichnen das Lipo-Lymphödem auch als das Stadium IV des Lipödems.

Die Entwicklung eines Lipödems zu einem Lipo-Lymphödem wurde unseres Wissens nur an den Beinen, nicht jedoch an den Armen beobachtet. Grund dafür dürfte unsere aufrechte Körperhaltung (Orthostase) in Verbindung mit der Schwerkraft sein, die sich vor allem in den Beinen auswirkt.

Dennoch können auch an den Armen Lipo-Lymphödeme entstehen, wenn zu einem bestehenden Lipödem ein Lymphödem hinzukommt. Dies ist etwa der Fall nach einer Brustkrebsbehandlung mit Entnahme von Lymphknoten aus der Achsel und Bestrahlung oder auch nach einer ästhetisch-chirurgische Oberarmstraffung (Brachioplastik). Dann ist der Arm mit dem Lymphödem dicker als der andere.


Zur Klärung einer Sprachverwirrung

Kassenärzte, die ein Lipödem diagnostiziert haben und dafür Manuelle Lymphdrainage (MLD) verordnen wollen, müssen auf dem Rezept als Diagnose „Lipo-Lymphödem“ angeben. Medizinisch ist das nicht korrekt, doch eine Regelung im Zusammenhang mit den Heilmittel-Richtlinien schreibt dies vor. Folglich glauben viele Frauen mit einem reinen Lipödem[3], sie hätten ein Lipo-Lymphödem.

Bis dahin liegt lediglich eine sprachliche Verwirrung vor. Problematisch kann diese aber in der Therapiepraxis werden, wo die MLD gemacht werden soll. Übernimmt nämlich der Lymphtherapeut die Diagnose „Lipo-Lymphödem“ während in Wirklichkeit ein reines Lipödem vorliegt, wird er die Patientin womöglich falsch behandeln. Denn die „Ödemgriffe“, die in der MLD gezielt zur Verschiebung freier Ödemflüssigkeit eingesetzt werden, dürfen beim Lipödem nicht angewendet werden! (Földi, Strößenreuther).


Das Lymphödem beim Lipo-Lymphödem

Durch die dauerhaft hohe Belastung, der das Lymphgefäßsystem beim Lipödem ausgesetzt ist, bildet sich nach mehreren Jahren oftmals ein sekundäres[4] Lymphödem. Dieser Prozess vollzieht sich fließend. Je nach Ausprägung wird das Lymphödem in vier Stadien eingeteilt.

Stadium 0 (Latenzstadium) ohne sichtbare oder tastbare Schwellung, nur funktions-diagnostisch (Lymphszintigramm, Ödemscanner) nachweisbar
Stadium 1 (spontan reversibles Stadium) das Ödem ist weich, man kann mit dem Finger leicht eine Delle eindrücken, die Schwellung bildet sich durch Hochlagern der Gliedmaße spontan zurück
Stadium 2 (nicht spontan reversibles Stadium) das Ödem ist verhärtet, es kann mit dem Finger keine Delle eingedrückt werden, die Schwellung bildet sich durch Hochlagern der Gliedmaße nicht mehr zurück
Stadium 3 (Elephantiasis) stark ausgeprägte Schwellung mit Verhärtungen und typischen Hautveränderungen, Bewegungseinschränkung der betroffenen Gliedmaßen


Die Befunde des Lipödems und des Lymphödems überlagern sich. Die Therapie muss entsprechend darauf abgestellt werden. Es gibt auch Fälle, in denen neben einem Lipödem auch ein primäres Lymphödem besteht. Dann sind im Gegensatz zum „echten“ Lipo-Lymphödem die Beine unterschiedlich dick. Auch kann neben einem Lipödem ein Phlebödem (ein durch Venenerkrankungen bedingtes Ödem) vorliegen. Dann sprechen wir von einem Lip-Phlebödem. Es gibt sogar – wenn auch selten – Lip-Lymph-Phlebödeme.

[1] Die Lymphszintigrafie ist ein nuklearmedizinischen Verfahren zur Funktionsdiagnostik des Lymphgefäßsystems hauptsächlich der Beine, seltener auch der Arme. Es dient in erster Linie zur Bewertung des Lymphtransports. Dabei wird gemessen, wie schnell und intensiv die Lymphknoten in der Leiste (bzw. in der Achsel) einen radioaktiv markierten Stoffes aufnehmen, der zuvor am Fuß (bzw.an der Hand) injiziert wurde. Verlängerte Ankunftszeiten und Aufnahmewerte („Uptake“) unterhalb der Norm sind Zeichen eines verschlechterten Lymphtransports des untersuchten Abschnitts des Lymphgefäßsystems.
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Stemmer'sches Zeichen
Bildquelle: Dr. Sören Sörensen
[2] Stemmer’sches Zeichen: Lässt sich die Haut am Rücken der 2. Zehe bzw. des Zeigefingers der betroffenen Extremität mit Daumen und Zeigefinger nicht oder nur sehr schwer (infolge der Verhärtung des Gewebes) abheben oder fälteln, ist das Stemmer’sche Zeichen positiv und es liegt ein Lymphödem vor. Das Stemmer’sche Zeichen ist ein untrügliches Zeichen für ein Lymphödem. Fehlt es, kann trotzdem ein Lymphödem vorliegen. Das Stemmer’sche Zeichen kann also falsch-negativ sein, niemals aber falsch-positiv.
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[3] Von einem „reinen Lipödem“ sprechen wir, solange keine Lymphabflussstörung vorliegt. In diesem Zustand kann das Lymphgefäßsystem die lymphpflichtige Last von sich aus vollständig abtransportieren. Darum ist hier die Manuelle Lymphdrainage (MLD) zur Verbesserung des Lymphtransports nicht angezeigt.
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[4] „Sekundär“ nennen wir Lymphödeme, die aufgrund einer bekannten Ursache entstanden sind. Beim Lymphödem des Lipo-Lymphödems ist die Ursache die schwindende Transportkapazität der Lymphgefäße aufgrund degenerativer Vorgänge. Der Gegensatz dazu entsteht das „primäre Lymphödem“ aufgrund angeborener Defekte des Lymphgefäßsystems.
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