(Auszüge aus der aktuellen S2k Leitlinie Lipödem)
Die Kompressionstherapie gilt in der Behandlung des Lipödems als Teil der Standardbehandlung.
Die Kompressionstherapie kann mit medizinisch Kompressionsstrümpfen, Kompressionsverbänden und Medizinischen Adaptiven Kompressionssystemen (MAK) erfolgen.
Zusätzlich kann die intermittierende pneumatische Kompression (IPK) eingesetzt werden.
Primäre Zielrichtung der Kompressionstherapie beim Lipödem ist die Reduktion von Schmerz und anderen subjektiven Symptomen.
Es soll den Patientinnen vermittelt werden, dass die Kompression nicht zur Reduktion des Fettgewebes geeignet ist.
Medizinische Kompressionsstrümpfe werden entweder flachgestrickt mit Naht oder nahtlos rundgestrickt gefertigt.
Das Lipödem kann grundsätzlich mit rund- oder flachgestrickten Kompressionsstrümpfen behandelt werden.
Bei großen Umfangsänderungen an einer Gliedmaße bzw. konisch geformten Extremitäten sowie bei vertieften Gewebefalten soll eine flachgestrickte Qualität verordnet werden, da bei diesen anatomischen Verhältnissen rundgestricktes Material ungeeignet ist.
Warum „Königsklasse“? Die Antwort: Wer Kompressionsstrümpfe täglich von morgens bis zum Abend trägt, kommt in einem Jahr auf eine Behandlungsdauer von mehr als 4.000 Stunden. Keine andere therapeutische Maßnahme erreicht auch nur eine annähernd so hohe Dosierung. Die Wirkung von Medikamenten klingt mit der Zeit ab, dann ist eine erneute Einnahme nötig. Dasselbe gilt für Hautcremes. Doch Kompressionsstrümpfe wirken unvermindert, solange sie getragen werden.
Weil es nicht nur Kompressionsstrümpfe gibt, sondern auch verschiedene Kompressionshosen gibt, verwenden wir nachfolgend den Begriff „Kompressions-Versorgung“. Es gibt es zwei unterschiedliche Techniken zur Herstellung von Kompressions-Versorgungen: Die Rundstricktechnik und die Flachstricktechnik.
Mit der Rundstricktechnik können Strümpfe für Beine und Ärmel für Arme hergestellt werden. Diese Produkte werden vor allem zur Behandlung venöser (phlebologischer) Erkrankungen und leichten Ödemen eingesetzt. Daneben sind nicht-medizinische Kompressionsärmel im Sport- und Alltagseinsatz weit verbreitet, aber nicht mit den medizinischen Druckklassen der Therapie gleichzusetzen.
Rundstrickstrümpfe werden auf einer speziellen Strickmaschine (Zylinder) wie ein Schlauch gestrickt. Mit normalen und elastischen Fäden baut die Maschine unten am Fuß den größten Druck ein, der nach oben hin abnimmt. So entsteht der medizinische Druckverlauf, der das Fließen des venösen Blutes aus dem Bein nach oben – zum Herzen hin – unterstützt. Die Zahl der Maschen pro Reihe ist ab den Zehen über die ganze Länge des Strumpfs gleich, nur die Weite der Maschen ändert sich. Der größte Umfang von rundgestrickten Strümpfen darf nur das 3-fache des kleinsten Umfangs sein. Weil dadurch die Möglichkeiten der Formgebung begrenzt ist, eignet sich die Rundstricktechnik nur für „unkomplizierte“ Beinformen. Sie kann für Serien- und Maßanfertigung der Kompressionsklassen I bis III eingesetzt werden. Rundgestrickte Strümpfe haben einen hohen Ruhedruck und einen niedrigen Arbeitsdruck. Darauf werden wir gleich zu sprechen kommen.
Rundgestrickte Kompressions-Versorgungen haben folgende therapeutische Effekte:
Aufgrund dieser Eigenschaften eignen sich rundgestrickte Kompressions-Versorgungen zur Behandlung folgender Krankheiten bzw. für folgende Anwendungen:
Rundgestrickte Kompressionsstrümpfe zeichnen sich durch hohe Elastizität, gute kosmetische Akzeptanz und Serienfertigung aus. Sie sind primär für gleichmäßig geformte Extremitäten ohne ausgeprägte Umfangsdifferenzen geeignet, in der Regel jedoch nicht bei stark deformierten Gliedmaßen und sehr großen Umfangsdifferenzen. In diesen Fällen sind meist flachgestrickte Kompressionsstrümpfe medizinisch indiziert.
Diese werden zuerst als flaches Stück Stoff gestrickt. Genauso wie beim Stricken von Hand können in jeder Reihe Maschen zu- bzw. abgenommen werden. Darum lassen sich mit der Flachstricktechnik Kompressions-Versorgungen exakt nach den Maßen des zu versorgenden Körperteils – selbst bei „komplizierten“ Formen! – anfertigen. Danach wird dieses Stück zusammengenäht. Flachgestrickte Strümpfe haben einen niedrigen Ruhedruck und einen hohen Arbeitsdruck. Darauf werden wir gleich zu sprechen kommen. Ihre therapeutische Wirkung beruht auf mehreren zentralen Mechanismen:
Dadurch sind flachgestrickte Kompressionsstrümpfe insbesondere indiziert bei Erkrankungen und Befunden mit ausgeprägten Umfangsveränderungen oder unregelmäßiger Anatomie wie:
Flachgestrickte Kompressionsstrümpfe sind die Therapie der Wahl, wenn eine hohe Druckstabilität, individuelle Maßanfertigung und zuverlässige Ödemreduktion erforderlich sind.
Laut der aktuellen Leitlinie „Lipödem“ ist die Kompressionstherapie beim Lipödem auf die Reduktion von Schmerzen und anderen subjektiven Symptomen ausgerichtet. Sie ist jedoch nicht zur Reduktion des Fettgewebes geeignet. Lipödem-Patientinnen müssen häufig mit einer mehrteiligen, flach gestrickten Kompression versorgt werden. Dann sind eine angepasste Strumpfhose (Capri-, Radlerhose, Bermudas, Leggins) sowie Beinstücke angezeigt. Auf die mehrteiligen Kompressions-Versorgungen kommen wir gleich zu sprechen.
Die Wahl der Strumpfart soll vom klinischen Befund abhängen und nicht allein von der Diagnose. Das heißt, auch ein venöses Leiden kann bei speziellen Anforderungen eine Flachstrick-Versorgung nötig machen, während umgekehrt ein Lipödem im Frühstadium mit einem rundgestrickten Strumpf adäquat kontrolliert werden kann (immer unter ärztlicher Aufsicht und Verlaufskontrolle!). Letztlich gewährleistet die richtige Kombination aus Kompressionsklasse und Strumpfqualität eine effektive Therapie und hohen Tragekomfort für den Patienten.
Unter Ruhedruck verstehen wir den Druck, den das Kompressionsmittel in Ruhe im Liegen ausübt. Er nimmt mit der Kompressionsklasse (KKL) zu. Beim Wechsel vom Liegen zum Stehen aber auch beim Betätigen der Muskulatur steigt der Druck im Gewebe an, weil der Kompressionsstrumpf der arbeitenden Muskulatur einen Widerstand entgegensetzt. Dabei entsteht der Arbeitsdruck. Je kräftigerer (unelastischer) das Material des Strumpfes ist, desto höher ist der Arbeitsdruck. Dieser spielt bei ausgeprägten Ödemen eine bedeutende Rolle, da der hohe Druck auch die tiefen Venen unterhalb der Muskelfaszie verengt und so den venösen Rückfluss verbessert. Das ist deshalb wichtig, weil etwa 85 bis 90 Prozent des venösen Blutes über das tiefe Venensystem transportiert werden.
Ein hoher Arbeitsdruck ist therapeutisch wirksamer als ein geringerer. Doch er entsteht nur bei Muskelarbeit. Dagegen entfaltet ein hoher Ruhedruck seine Wirkung auch dann, wenn das Bein längere Zeit in Ruheposition bleibt, wie etwa beim Sitzen oder Liegen. Ein hoher Ruhedruck unterstützt den Blutfluss auch in Phasen ohne Muskelbewegung.
Kompressions-Versorgungen gibt es in vier Kompressionsklassen (KKL) mit steigender Druckstärke, die für verschiedene Indikationen zum Einsatz kommen:
Kompressionsklasse KKL
Klasse 1 (leicht) 18-21 mmHg (Medizinische Kompressions-Beinstrümpfe)
Klasse 1 (leicht) 15-21 mmHg (Medizinische Kompressions-Armstrümpfe)
Klasse 2 (mittel) 23-32 mmHg (Medizinische Kompressions-Beinstrümpfe)
Klasse 2 (mittel) 23-32 mmHg (Medizinische Kompressions-Armstrümpfe)
Klasse 3 (kräftig) 34-46 mmHg (Medizinische Kompressions-Beinstrümpfe)
Klasse 3 (kräftig) 34-46 mmHg (Medizinische Kompressions-Armstrümpfe)
Klasse 4 (sehr kräftig) > 49 mmHg (Medizinische Kompressions-Beinstrümpfe)
Klasse 4 wird nur als Maßversorgung in Flachstrick hergestellt, da nur das feste Material die nötige Wandstabilität erreicht. Falls das Anziehen zu schwierig ist, können Alternativen (z.B. zwei übereinander getragene Strümpfe geringerer Klasse) gewählt werden.
21 mmHg ist der Druck am unteren Ende einer 21 Millimeter (mm) hohen Quecksilber(Hg)-Säule.
Je höher die verordnete Kompressionsklasse, desto passgenauer muss die Kompressions-Versorgung gefertigt sein. Denn eine auch nur leicht zu enge Versorgung würde im angezogenen Zustand gedehnt und dadurch einen Druck über der verordneten Kompressionsklasse ausüben. Die Verordnung soll immer nach dem Prinzip der möglichst niedrigen wirksamen Klasse geschehen. Denn: Lieber ein Kompressionsstrumpf mit einer niedrigeren Kompressionsklasse, der getragen wird, als ein Strumpf mit theoretisch hochwirksamer Kompressionsklasse, der in der Schublade liegt.
Die Kompressionstherapie mit flachgestrickten Versorgungen ist zur Behandlung von Lymphödemen, dem Lipödem und anderen soeben genannten Erkrankungen unabdingbar. Sie wird aber nur dann erfolgreich sein, wenn die Versorgung regelmäßig getragen wird. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sie keine Schmerzen durch Einschnürungen, Scheuerstellen oder Einschränkungen der Blutzirkulation hervorruft. Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Patienten die Versorgung selbständig an- und ausziehen können. (Anderenfalls kann der Pflegedienst das übernehmen.) Eine mehrteilige Kompressions-Versorgung ist angezeigt, wenn eine einteilige Versorgung (z.B. ein einzelner Strumpf oder Ärmel) funktionell, anatomisch oder therapeutisch nicht ausreichend ist. Die Indikation ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Krankheitsbild, Anatomie, Verlauf und praktischer Handhabbarkeit (Toilettengang etc.).
Segmente von mehrteiligen Versorgung können etwa als Caprihose, Radlerhose, Bermudas, Leggins, Einbeinhose, Kniestrumpf, Schenkelstrumpf, Fußteil, Armstrumpf oder Handschuh gefertigt werden. Neben den verschiedenen Segmenten gibt es Funktionszonen. Das sind spezielle Gestrickzonen an Knien, Ellenbogen oder Gelenksbereichen zur Vermeidung von Einschnürungen und zur Erhöhung des Tragekomforts. Y-Einkehren und anatomische Profilanpassungen sind Zusätze zur Entlastung tiefer Hautfalten (z.B. im Sprunggelenk) oder zur Unterstützung bei Gelenkbewegungen.
Wie wir sehen, ist die Kompressions-Versorgung in Flachstricktechnik eine wahre Wissenschaft, wenn nicht gar eine Kunst. Im Zentrum des Versorgungs-Geschehens haben neben dem Krankheitsbild, der Anatomie immer die individuellen Gegebenheiten der Patienten zu stehen (Toilettengang etc.)! Und das können nur speziell ausgebildete und regelmäßig nachgeschulte Fachkräfte leisten.
Alle Vertragsärzte („Kassenärzte“) können Kompressions-Versorgungen zulasten gesetzlicher Krankenkassen verordnen, sofern
Es gibt keine gesetzliche Facharztbindung für diese Verordnungen.
Vor der Verordnung muss die Krankheitsgeschichte (Anamnese) erhoben und eine klinische Untersuchung durchgeführt werden. Dafür muss der Arzt den weitgehend entkleideten Patienten betrachten (Inspektion) und das Gewebe der betroffenen Körperteile abtasten (Palpation). Anamnese, Inspektion und Palpation bilden zusammen die Basisdiagnostik, die jeder Arzt beherrschen muss. Falls notwendig kann auch noch eine apparative Diagnostik (z. B. Duplex-Ultraschall) erforderlich sein. Die Diagnose ist anhand der erhobenen Befunde zu stellen, ebenso die Indikation.
Weil Krampfadern meist gut sichtbar sind, kann normalerweise jeder Hausarzt die Diagnose stellen und eine Rundstrick-Versorgung verordnen. Das nennen wir „phlebologische Verordnung“. Viel schwieriger dagegen sieht es dagegen bei den „lymphologischen Verordnungen“ aus. Denn ein Großteil der Ärzte verfügt nicht über das lymphologische Wissen, um etwa ein Lymphödem, das Lipödem oder damit verwandte Erkrankungen korrekt zu diagnostizieren, geschweige denn eine bedarfsgerechte Therapie zu verordnen.
Das ist für die betroffenen Menschen in der Tat ein enormes Problem, weshalb viele von ihnen eine jahrelange, wenn nicht gar jahrzehntelange Odyssee von einem Arzt zum anderen auf sich nehmen müssen, bis sie eine richtige Diagnose und die entsprechende Behandlung bekommen – wenn überhaupt.
Hierzu lassen wir den renommierten Lymphologen und Gefäßmediziner Prof. Dr. med. Gerd R. Lulay zu Wort kommen: „Wir Ärzte werden im Studium so gut wie gar nicht mit der Lymphologie konfrontiert. Universitär existiert die Lymphologie bisher nur episodisch, Curricula gibt es nicht, manches Fachgebiet erwähnt lymphologische Krankheitsbilder nur im Nebensatz, Grundlagenforschung existiert zumindest in Europa nur in einigen anatomischen Zentren (Universität Göttingen, Kassel), an einen Lehrstuhl ist überhaupt nicht zu denken. So gestaltet sich dann auch die Wissensvermittlung rudimentär, was teilweise zu grotesken Wissensdefiziten und sich daran anschließenden Fehlbehandlungen führt.“
Die besten Chancen auf eine korrekte lymphologische Diagnose können Gefäßchirurgen, Dermatologen, Angiologen und Ärzte mit der Zusatzqualifikation „Phlebologie“ bieten. Das Problem dabei sind aber die langen Wartezeiten.
Kompressionsstrümpfe sind Hilfsmittel und belasten nicht das Budget des verordnenden Arztes. Die übliche Regelversorgung sind zwei Paar medizinische Kompressionsstrümpfe pro Jahr, was einer Gebrauchsdauer von ca. sechs Monaten pro Paar entspricht. Diese Regel ergibt sich aus nachlassender Kompressionswirkung durch Materialermüdung und den Vorgaben der Krankenkassen und des Hilfsmittelverzeichnisses. Diese Versorgung gilt als wirtschaftlich und ausreichend.
Abweichend davon ist die Verordnung einer Wechselversorgung (mehr als zwei Paar pro Jahr) zulässig, wenn sie medizinisch begründet ist. Häufige anerkannte Gründe sind Schwangerschaft (rasche Umfangsveränderungen), deutliche Zu- oder Abnahme des Körpergewichts, ausgeprägte Ödeme, hygienische Gründe, berufliche Belastung und schnelles Nachlassen der Kompressionskraft bei intensiver Nutzung. In diesen Fällen sind drei bis vier Paar pro Jahr realistisch und anerkannt. Es gibt keine gesetzlich festgelegte absolute Höchstzahl pro Jahr. Aber jede zusätzliche Verordnung muss medizinisch nachvollziehbar begründet sein. Jede Verordnung hat separat zu erfolgen und die Diagnose ist immer anzugeben. Wichtig ist die genaue Dokumentation des Arztes, um ihn vor Rückfragen zu schützen.
Der Ablauf der phlebologischen Versorgung (Rundstrick) ist relativ unkompliziert. Nachfolgend beschreiben wir den Ablauf der ziemlich aufwändigen lymphologischen Versorgung (Flachstrick). Dabei muss der Arzt auf dem Rezept neben der Diagnose alle relevanten Details angeben:
Damit ist für den verordnenden Arzt ein erheblicher Zeitaufwand verbunden. Diesen kann er sich ersparen, wenn er auf einem Zettel die Diagnose und „Kompressions-Versorgung“ notiert, mit dem der Patient in ein Sanitätshaus bzw. eine Apotheke geht, die flachgestrickte Kompressions-Versorgungen anbieten. Diese Versorger lassen sich schnell auffinden, wenn Sie in https://www.lymphe-und-gesundheit.de/auslegestellen.htm eine Postleitzahl oder einen Ortsnamen eingeben.
Die Fachkraft des Kompressions-Versorger soll dann nach Erhebung der Anamnese, Befunde und Bedürfnisse des Patienten die Details der Versorgung notieren, die der Arzt dann schnell und problemlos in das Rezept übernehmen kann. Nähere Informationen hierzu finden Sie auf https://optimale-kompression.de/
Das Ausmessen erfolgt durch geschultes Fachpersonal, und zwar unbedingt in einem separaten Raum. Die Messung sollte morgens oder gleich nach der Manuellen Lymphdrainage (MLD) oder ggf. nach Abnehmen der Kompressions-Bandagierung erfolgen, wenn also die Beine noch wenig geschwollen sind. Für den Erstkontakt muss der Kompressions-Versorger genügend Zeit einplanen, um die individuellen Bedürfnisse des Patienten sorgfältig zu ermitteln und alles im Zustandserhebungsbogen (Anamnesebogen) zu dokumentieren. Er muss den Patienten über seine Erkrankung, die Therapie (MLD mit Bandagierung etc.), die Wahl der Strickart und über den weiteren Ablauf (Kostenvoranschlag etc.) aufklären.
Dann muss eine Fotodokumentation sowie die Umfangsdokumentation der Hautmaße erstellt und die individuelle Versorgung (einteilig oder mehrteilig, Zusätze, Hersteller, Qualität, Farbe etc.) festgelegt werden. Oftmals ist dabei die Rücksprache mit den verordnenden Arzt notwendig. Der Aufwand kann erheblich reduziert werden, wenn – wie soeben empfohlen – der Patient gleich zu Anfang dem Versorger ein Schreiben seines Arztes mit Diagnose und Indikation (Kompressionsstrumpf) gibt. Anschließend erstellt der Kompressions-Versorger einen Kostenvoranschlag und sendet in an die Krankenkasse des Patienten.
Nachdem die Zusage der Kostenübernahme durch die Krankenkasse eingegangen ist, muss der Zeitpunkt und Ort des Anmessens in Rücksprache mit dem behandelnden Therapeuten festgelegt werden:
Eventuell muss der Anamnesebogen vervollständigt und (bei Veränderungen seit dem Erstkontakt) nochmals eine Fotodokumentation erstellt werden. Anschließend werden die Hautmaße (Körpermaße) sowie die „unter-Zug“-Maße der zu versorgenden Gliedmaße(n) aufgenommen und dokumentiert. Daraufhin erhält der ausgewählte Hersteller die Bestellung mit den entsprechenden Unterlagen.
Sobald die fertige Kompressions-Versorgung beim Sanitätshaus bzw. in der Apotheke eingegangen ist, haben diese zu prüfen, ob die Ware der Bestellung entspricht. Falls nicht ist sie zur Korrektur zurückzusenden. Wenn alle OK ist, muss ein erneuter Termin anberaumt werden:
Dann erfolgt eine Einweisung in der An- und Ausziehtechnik (ggf. mit An- bzw. Ausziehhilfen und mit Gummihandschuhen), eine Einweisung in Hautpflege, Handhabung sowie Waschen der Versorgung. Es wird ein Anprobe-Protokoll und eine Fotodokumentation angefertigt. Für den Fall, dass Pelotten einzuarbeiten sind, werden die Stellen dafür in die Versorgung eingezeichnet und diese wieder an Hersteller geschickt. Wenn dann die Versorgung mit den eingearbeiteten Pelotten zum Versorger zurückkommt, beginnt das Prozedere wieder von Neuem.
Wenn alle Abläufe durch sind, wird eine Empfangsbestätigung / Patientenerklärung erstellt. Darin bestätigt der Patient mit seiner Unterschrift den Empfang der Versorgung, dass er in die An- und Ausziehtechnik sowie die Handhabung und Pflege der Kompressions-Versorgung eingewiesen wurde. Zudem wird in einem Anprobe-Protokoll die Passform der einzelnen Bereiche (Fußlänge, Beinlänge etc.) dokumentiert. Falls der Patient Problem feststellen sollte, kann er diese sofort melden und der Versorger entsprechend reagieren. Sollte der Patient erst später Probleme feststellen, kann er dies innerhalb von 7 bis 10 Tagen melden. Wenn die Versorgung gut sitzt, kann der Patient sein endgültiges Passform-OK telefonisch mit Datum und Uhrzeit durchgeben. Falls er Unklarheiten, Mängel bei Passform oder Problemen beim Anziehen feststellt, muss er persönlich zu einem „Nachsorgetermin“ bei seinem Kompressions-Versorger vorstellig werden.
Sobald feststeht, dass der Patient die Erstversorgung anziehen und tragen kann und will, soll eine Wechselversorgung verordnet werden. Diese ist notwendig, weil flachgestrickte Versorgungen möglichst jeden Tag gewaschen werden sollen. Denn unter dem groben Gestrick schilfern Hautschuppen ab und setzen sich zwischen den Maschen fest. Das ist nicht nur unhygienisch, sondern schränkt auch die Atmungsaktivität der Versorgung ein. Und weil das Gestrick nur sehr langsam trocknet, trägt man immer eine Versorgung, während die andere gerade zum Trocknen flach ausliegt.
Spätestens nach 6 Monaten ist es an der Zeit für eine Nachversorgung, weil die Kompressionskraft der „alten“ Versorgungen nachgelassen hat. Bei größeren Gewichtsveränderungen (ab ca. ± 8 bis 10 kg) oder Umfangsveränderungen (kontrollieren Sie Ihre eigenen Maße!) kann eine Nachversorgung auch schon vorher verordnet werden.
Für das Tragen von Kompressionsstrümpfen gelten klare medizinische Kontraindikationen, da der äußere Druck in bestimmten Situationen schädlich sein kann. Man unterscheidet absolute und relative Kontraindikationen.
Absolute Kontraindikationen: Kompressionsstrümpfe dürfen nicht getragen werden bei:
Relative Kontraindikationen: Kompressionsstrümpfe sind nur nach ärztlicher Abwägung zulässig bei:
Wichtige Warnzeichen während der Anwendung: Das Tragen sollte sofort beendet und ärztlich abgeklärt werden bei:
In der Schwangerschaft gibt es einige wichtige medizinische und praktische Aspekte zu beachten.
Medizinische Indikation: Kompressionsstrümpfe werden in der Schwangerschaft häufig empfohlen bei:
Die Anwendung sollte idealerweise ärztlich oder durch eine Hebamme empfohlen bzw. begleitet werden.
Richtige Kompressionsklasse
Exakte Anpassung
Tragedauer und Handhabung
Komfort und Material
Kontraindikationen und Warnzeichen
Kompressionsstrümpfe sollten nicht oder nur unter ärztlicher Kontrolle getragen werden bei:
Treten solche Symptome auf, sollte das Tragen sofort beendet und ärztlicher Rat eingeholt werden.
Kompressionsstrümpfe sind in der Behandlung von Lymphödemen, dem Lipödem, venösen Erkrankungen und Kombinationsformen dieser Krankheiten von größter Wichtigkeit. Dank der jahrzehntelangen intensiven Entwicklungsarbeit der Hersteller sind die modernen Versorgungen vergleichsweise angenehm zu tragen und auch ästhetisch ansprechend. Anfangs dauert es meist eine gewisse Zeit, um sich an die „zweite Haut“ gewöhnen. Wer dann „seinen Frieden damit gemacht hat“, wird vom regelmäßigen Tragen sehr profitieren. Tipp: Bei sommerlicher Hitze bewirkt das Besprühen der Versorgung mit einer Blumenspritze ein wahres Wunder. Mit etwas Fantasie lassen sich tolle farbliche Kleidungs-Kombinationen herstellen.
Kompressions-Versorgungen dürfen nur von geschulten Bandagist(inn)en, Orthopädietechniker(inn)en oder anderen zertifizierten Fachberater(inn)en durchgeführt werden. Diese müssen in der Lage sein, die individuellen Bedürfnisse, die Lebensweise, das Krankheitsbild und Nebenbefunde ihrer Patienten detailliert zu erfassen und genau darauf die optimale Kompressions-Versorgung zu konzipieren. Die Gestricke der Versorgungen aller deutschen Hersteller sind hervorragend. Doch kein Gestrick passt für alle Patienten. Es ist die hohe Kunst der Versorger, in jedem Einzelfall den Hersteller des individuell am besten passende Gestrick zu wählen. Darum sollte man Kompressions-Versorger meiden, die nur die Produkte einer einzigen Herstellerfirma führen.
Die Verordnung von bedarfsgerechten Kompressions-Versorgungen ist kompliziert und zeitaufwändig. Das gilt insbesondere für Ärzte, die nur ab und zu derartige Verordnungen ausstellen. Darum empfehlen wir gleich zu Beginn die Kooperation zwischen Arzt und Versorger. Beim Versorger sollten Sie möglichst immer den gleichen Ansprechpartner haben, von dem auch eventuelle Passformprobleme bearbeitet werden. Näheres dazu lesen Sie im nächsten Artikel.
Bei der Beurteilung, wie gut ein Kompressions-Versorger ist, kann der erste Eindruck entscheidend sein. Wie ist die Ladengestaltung, der Empfang, die Sauberkeit? Ist das Personal freundlich und aufmerksam? Bei der Versorgung von Ödemen oder Venenerkrankungen sind Anamnese (Krankheitsgeschichte) und Palpation (Tastbefund) unerlässlich. Dafür braucht es Ihr Vertrauen. Die kann nur entstehen, wenn die Mitarbeiter in der Beratung Ihnen das Gefühl vermitteln, Sie ernst zu nehmen und sorgfältig nach Ihren persönlichen Aspekten fragen – nach Beruf, Sport, Erwartungen und Ihre bisherigen Erfahrungen mit Versorgungen.
Bei Zweit- bzw. Wechselversorgung machen die Krankenkassen häufig Probleme. Ein erfahrener und engagierter Kompressions-Versorger wird alles daransetzen, den Krankenkassen die entsprechenden Argumente zu liefern, wann und warum eine Zweit- bzw. Wechselversorgung notwendig ist. Das ist zumindest bei Flachstrick-Versorgungen der Fall. Nicht dagegen bei Rundstrick-Versorgungen, bei denen manche Kassen sogar nur noch eine Versorgung pro Kalenderjahr bezahlen.
Was Kompressionsstrümpfe betrifft, existieren viele Mythen und Vorurteile, die aus ferner Gummistrumpf-Vergangenheit stammen. Lassen Sie sich davon nicht einschüchtern! Moderne Kompressionsstrümpfe sind Hightech-Produkte, die auf modernen Maschinen mit innovativen Garnen hergestellt werden und oft zusätzliche Funktionen bieten. Mit den Strümpfen von früher haben sie nichts mehr gemeinsam.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass etwas drückt, zwickt oder rutscht, stimmt etwas mit Ihrer Versorgung nicht. Wenden Sie sich dann an Ihren Versorger, damit das Problem gelöst wird. Manchmal – insbesondere bei anatomisch schwierigen Gegebenheiten – kann es vorkommen, dass trotz Korrekturen die Passform nicht optimal ist. In solchen Fällen kann man vielleicht auch mit einem Kompromiss leben, als gar keine Kompression zu tragen. Eine gut sitzende Kompression sollte im Alltag kaum spürbar sein. Sobald man sich an sie gewöhnt hat, sollte sie als angenehm empfunden werden. Manche Betroffene empfinden den Druck anfangs als sehr belastend. In diesen Fällen muss die Kompression nicht gleich den ganzen Tag lang getragen werden. Wenn die Versorgung unangenehm wird, zieht man sie aus und trägt sie am nächsten Tag vielleicht nur zwei oder drei Stunden. Mit der Zeit kann die Tragedauer schrittweise verlängert werden. Grundsätzlich empfinden wir Druck als gut – das ist instinktiv. Wenn uns etwas weh tut, drücken wir reflexartig auf die Stelle, um den Schmerz zu lindern – ob bei Bauchschmerzen oder wenn wir uns stoßen. Genau das macht Kompression: Sie lindert und tut gut.
Sollten Sie sich anfangs sehr unbehaglich und eingeengt fühlen, kann es sinnvoll sein, mit einer geringeren Kompressionsklasse zu beginnen. Hier sollte aber immer Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden. Ein guter Kompressions-Versorger wird sich um Ihre Sorgen und Nöte kümmern und alles daran setzen, dass Sie sich wohlfühlen. Falls Sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden, sollten Sie sich eventuell einen neuen Versorger suchen. Doch in der Regel sind die meisten sehr dienstleistungs-orientiert und investieren viel Zeit in Beratung und die Versorgung.
Ganz wichtig ist, dass die „Chemie“ zwischen Ihnen und Ihrem Versorger stimmt! Wenn Ihnen jemand unsympathisch ist, der Sie versorgen soll, kann das die Qualität der Versorgung beeinflussen. Oft passiert das ganz unbewusst. Es geht nicht nur den Betroffenen so, sondern auch den Versorgern. Wenn Sie merken, dass die Chemie nicht stimmt, sollten Sie fragen, ob es eine andere Person gibt, die Sie versorgen könnte.
Es ist eine Tatsache, dass informierte Patienten besser behandelt werden, weil die Gesprächspartner spüren, denen kann man nichts vormachen. Im Internet findet man viele Informationen, darunter oft auch falsche, ja sogar schädliche! Die Zeitschrift „LYMPHE & Gesundheit“, die seit März 2010 im März, Juni, September und Dezember erscheint, bietet seriöse Informationen in einer für medizinische Laien verständlichen Sprache. Die Zeitschrift kann auf https://www.lymphe-und-gesundheit.de/ abonniert werden.
Auf https://www.lymphe-und-gesundheit.de/auslegestellen.htm finden Sie medizinische Fachhändler, die besonderen Wert auf eine qualitativ hochwertige Kompressions-Versorgung legen. Von ihnen erhalten Sie „LYMPHE & Gesundheit“ kostenlos.